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Die mit den Wölfen heulen
Frauen und Wölfe

Live kennen wir ihn allenfalls noch aus dem Zoo: 1904 wurde der Wolf in Deutschland ausgerottet. Nun beginnt er in Sachsen wieder heimisch zu werden – und prompt fürchten sich viele vor dem bösen Wolf. Gegen dieses Rotkäppchensyndrom kämpfen vor allem Frauen an. Frauen, die mit den Wölfen leben.

Tanja Askani heißt unsere Frau, die mit den Wölfen lebt. Wenn die 43-jährige gelernte Restauratorin und Zootechnikerin von ihren beiden Polarwölfen Flocke und Nanuk schwärmt, so hört man an der harten Betonung noch, dass sie aus Tschechien stammt. Doch das wird schnell zur Nebensache, wenn sie in das Heulen des Alphaweibchens oder des Rüden einstimmt. Wenn sie nicht nur mit der Stimme, sondern mit den Augen, mit Gesten, mit der Art, sich unter ihnen zu bewegen, kommuniziert. Mit einem Mal versteht man, dass Menschen, die sich um Akzente oder Nationalitäten kümmern, die Natur niemals begreifen werden. Und schon gar nicht das Wesen eines Wolfes.
Aufgewachsen ist Askani in der Tristesse einer Industriestadt des tschechischen Kohlereviers. Man kann sich ihr Schlüsselerlebnis gut vorstellen: ein Stückchen Wiese zwischen Hochhäusern. Als Mädchen findet Askani dort ein verstoßenes Schäfchen und hütet es inmitten der Betonschluchten. Es ist der Beginn einer großen Leidenschaft: für die Natur, für ihre Geschöpfe. Seit dieser Zeit hat Tanja Askani ihr Leben den Tieren gewidmet. Viele hat sie gerettet und aufgezogen, vom Fuchsjungen bis zum Greifvogel. Doch ihre besondere Liebe gehört den Wölfen. Zwischen ihnen und Askani herrscht unbedingtes Vertrauen. Die ausgewachsenen Tiere springen an ihr hoch, lecken ihr das Gesicht, Nanuk kneift sie mit seinen Reißzähnen zärtlich in die Wange. Viele solcher inniger Momente sind in ihrem Buch „Wolfsspuren“ festgehalten. Vor allem aus den dokumentarisch-poetischen Bildern der Fotografin Sabine Lutzmann spricht die Verbundenheit zwischen Mensch und Tier.
Wer sich mit Wölfen beschäftigt, erkennt bei den letzten großen europäischen Raubtieren verblüffende Parallelen zur menschlichen Gemeinschaft. Ob Biologiestudenten oder Teilnehmer von Managerseminaren – alle bewundern die soziale Intelligenz eines Rudels, zu der jeder Wolf mit seinen individuellen Charaktereigenschaften beiträgt. Doch Hierarchien haben auch ihre Schattenseiten und die Vermenschlichungen des Wölfischen ihre Grenzen. Deswegen liegen beide, Wolfsversteher ebenso wie die Großmutterrächer, falsch.
Tanja Askani tappt in keine der üblichen Wolfsfallen: Sie romantisiert nicht, sie dämonisiert nicht. Sie weiß, dass sich ihr Traum von einem Leben mit den Wölfen ohne Zäune nicht verwirklichen lässt. Ihr Buch vermittelt jedoch, wie nah sie diesem Traum gekommen ist. In diesem Jahr hat Tanja Askani ihr Ziel erreicht, das Wolfsrudel zu vergrößern. Aus einem bayerischen Wildpark bekommt sie Shadow und Daylight, zwei Grauwolfswelpen. Hingebungsvoll zieht sie die beiden neben ihrer Arbeit als Falknerin im Wildpark Lüneburger Heide mit der Flasche groß, bringt sie immer wieder mit den erwachsenen weißen Wölfen zusammen, bis diese einander akzeptieren. Ein 24-Stunden-Job ist das, den nur bewältigt, wer mit beiden Beinen fest auf dem Boden steht. Zumal Askanis Haus bevölkert ist von Wesen, die ohne menschliche Hilfe wohl nicht hätten überleben können: Paul der Storch etwa, den die Eltern aus dem Nest gestoßen haben, oder das Rehkitz Linda, das gemeinsam mit dem Dackel über die Steinfliesen schlittert.
Eine regelrechte Arche Noah managt Tanja Askani, in der Wolf und Reh zusammen spielen – fast zu schön, um wahr zu sein. Doch eine Ahnung vom Paradies bekommt nur, wer die Spuren der Natur zu lesen weiß. Und dazu gehören auch Wolfsspuren.

In freier Wildbahn
In Deutschlands Osten werben die Wolfsexpertinnen Gesa Kluth und Ilka Reinhardt für die Wölfe. Bauern, mehr aber noch Jäger müssen überzeugt werden, dass Isegrim keine ernsthafte Gefahr für den Herden- oder Wildbestand darstellt. Aber auch, dass er keine Jagdbeute ist, immerhin sitzt der Zeigefinger mitunter locker am Abzug, wenn eine solche Trophäe lockt.
Alles über Wölfe in Deutschland erfährt man in Beatrix Stoepels gleichnamigem Buch. Darin berichtet die Journalistin und Naturfilmerin von Biologeneuphorie und Wolfshysterie an der deutsch-polnischen Grenze und von einem unermüdlichen Engagement in Sachen Wiederansiedlung von Wölfen. Das Buch mit seinen vielen starken Aufnahmen ist der Begleitband zur Reihe „Expeditionen ins Tierreich“. Wer die ersten Fernsehbilder von wild lebenden Wölfen in Deutschland sehen möchte, der hat am ersten Weihnachtsfeiertag Gelegenheit dazu: „Wölfe! Zurück in Deutschland“ heißt die spannende Reportage in der ARD.
Wölfe in freier Wildbahn werden in Deutschland allerdings die Ausnahme bleiben. Wer also nicht eigens zum Wolf-Watching in den amerikanischen Yellowstone Nationalpark aufbrechen will – es ist unter anderem erneut einer „Wolfsfrau“ zu verdanken, der US-Biologin Renée Askins, dass dort wieder Wölfe leben –, dem bleiben die heimischen Tierparks.
rd

Beatrix Stoepel: Wölfe in Deutschland.
Hoffmann & Campe, 221 S., € 24,90
ISBN 3455094708
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Tanja Askani: Wolfsspuren.
AT Verlag, 144 S., € 21,90
ISBN 3855029792
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Renée Askins: Der Ruf der Wolfsfrau.
Übersetzt von Michael Windgassen
Droemer, 380 S., € 19,90
ISBN 3426273365
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