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Klangmeister
Der Vorleser Rufus Beck im Porträt

Mit dem genialen Interpreten der Harry-Potter-Romane wird aus einem Vorleser ein Performer. Nun gibt der umtriebige Schauspieler in der Edition Rufus Beck eigene Hörbuchproduktionen heraus.

Er lacht. Lacht und lacht und lacht. Kichert heiser, japst nach Luft, prustet los. Rufus Beck ist am Ende. Nach fünf Tagen im Studio, in denen er 1375 Minuten „Garp und wie er die Welt sah“ auf 19 CDs
gesprochen hat, ist endlich der letzte Satz aufgenommen. Er ist erleichtert, übermüdet, hingerissen von John Irvings Komik. Es gibt einen Mitschnitt von diesem Lachanfall, den seine Verlegerin Margrit Osterwold wie einen Schatz hütet.
Drei Jahre später. Ein Programmkino in Hamburg. Gemischtes Publikum: Studenten, Literaturliebhaber, Alternative. Rufus Beck überquert die Bühne mit wenigen Schritten, setzt sich, sagt: „Guten Abend, offenbar mögen Sie John Irving auch so gern wie ich. Mir gefällt die Mischung seiner Geschichten: Familie, Literatur, Sex.“ Der erste Lacher, los geht's, zwei Stunden Garp. Dass die Lesung eines Romans von 1979 heute noch so regen Zulauf findet, liegt in erster Linie am Vortragenden. Rufus Beck, 47, hat eine der derzeit beliebtesten und am meisten gefragten Stimmen. Von seiner kongenialen Lesung der Harry-Potter-Romane sind Klein und Groß gleichermaßen hingerissen. 1,3 Millionen verkaufte Hörbücher allein vom ersten Band. Rufus Beck nutzt seine Beliebtheit, um dem Publikum die Tiefe eines seiner Lieblingsromane zu vermitteln: „Garp ist ein absoluter Geniestreich. Klar, die Leute kommen zu meiner Lesung und denken, Garp, das war dieser gut gemachte Unterhaltungsroman von Irving, ein bisschen schräg, ganz lustig.“ Und dann wundern sie sich, an welche Stellen sie sich nicht mehr erinnern können, welche Komik, welche Tragik sie überlesen haben. „Das ist normal. Wenn man ein Buch das erste Mal liest, liest man auf den Plot hin. Da hält man sich nicht so lange bei den einzelnen Szenen auf.“ Gerade das sei seine Aufgabe, so Rufus Beck. „Wer kann schon Partitur lesen? Ich bin ein Interpret und der Zuhörer hat danach die Möglichkeit, mit dieser Information wieder auf die Reise, auf die Suche zu gehen. Man kennt einen Text erst richtig, wenn man ihn laut liest.“
Auf der Bühne hat Beck zudem die Möglichkeit, mit Pausen und Mimik zu arbeiten, da ist er als Schauspieler in seinem Element: „Du musst ja nicht über die Bühne rennen, um Theater zu spielen. Mal gucke ich einfach nur, und die Leute lachen, dann setze ich eine Pause, gebe wieder Gas. An so einem Abend geht es viel um das Zusammenspiel von Vortragendem und Publikum. Ich bin der Dirigent und das Publikum das Orchester.“ Einmal an diesem Abend in Hamburg, er liest gerade die Zeugungsszene von Garp, muss er lachen. Die Mundwinkel gehen hoch, er kichert lautlos in sich rein, das Publikum lacht, er kichert weiter, sagt dann ruhig: „Gute Gelegenheit, einen Schluck Wasser zu
nehmen“ – und liest weiter. Das sei nicht geplant gewesen, sagt er tags drauf beim Interview, „aber ich habe gelernt, damit umzugehen. Der Kampf des Schauspielers mit dem Lachen, aber er versucht, die Contenance zu bewahren. Das ist wie ein kleines Dramolett zwischendrin.“
Das Schauspiel hat Rufus Beck von der Pike auf gelernt. Straßentheater, Zirkus, später große Häuser wie das Bayerische Staatsschauspiel und das Schauspiel Frankfurt am Main, dann Film und Fernsehen. Für seine Rolle als Waltraut in „Der
bewegte Mann“ bekam er 1994 den Bambi – doch der große Hype blieb danach aus.
Rufus Beck ist nicht der Typ, der sich auf jedes Angebot stürzt, um auf der Leinwand präsent zu sein. Dafür ist er zu tiefsinnig und zu gebildet. Heute ist er regelmäßig als Inspektor Rolle bei SAT1 zu sehen und immer wieder am Theater. Dass er zurzeit vorwiegend als Stimme prominent ist, sieht er nicht als Abkehr von seinem eigentlichen Beruf. „Für mich ist so ein Abend in Hamburg Theater.“ Das Angebot, in einer Berliner Buchhandlung zu lesen, in der das Publikum stehen musste, hat er abgelehnt.
Bei der Arbeit im Studio hingegen geht es mehr um die Interaktion zwischen Rufus Beck und dem Text: Weil er das Manuskript nicht mit Betonungs- und Pausenzeichen versieht, wird er gern als Verbal-Jazzer bezeichnet, der vor dem Mikrofon improvisiert. „Improvisieren klingt aber viel zu beliebig. Ich habe ein ganz grobes Koordinatensystem im Kopf, das ist aber kein Dogma. Und dann lasse ich mich treiben.“ Ob er da bei der Produktion von Harry Potter, in der mehrere Dutzend Charaktere auftreten, nicht mal den Überblick verliere? Nein, weil er sich die Figuren sehr genau vorstellt. „Ich lasse mich vom Text inspirieren, manchmal habe ich es auch gern, so nach fünf, sechs Stunden im Studio die Müdigkeit zu spüren und zu merken, die bringt mich jetzt in eine andere Stimmung. Dann reibt sich meine Befindlichkeit am Text. So einen Text über Stunden zu erarbeiten, das ist der Reiz der Sache. Da agiere ich, höre mich über Kopfhörer, reagiere und agiere wieder, wie ein Perpetuum mobile komme ich mir dann vor.“
In so einer Extremsituation entstand der eingangs erwähnte Mitschnitt – ein besonderer Moment, markiert er doch den Beginn der intensiven Arbeitsbeziehung von Rufus Beck und Margrit Osterwold, damals noch Herausgeberin der Heyne Hörbücher. „Mit Garp hat alles angefangen“, sagt die Hamburger Verlegerin, die vor fünf Jahren ihren eigenen Hörbuchverlag gründete und heute mit dem so genannten Osterwold eine Art Hörbuch-Oscar vergibt. Beck und Osterwold haben in den vergangenen Jahren viel zusammengearbeitet, und so war es nur natürlich, dass Rufus Beck nun ihren Verlag Hörbuch Hamburg wählte, um dort Produktionen zu realisieren, die ihm wichtig sind. Klassiker sind dabei wie „Robinson Crusoe“, Texte in Kombination mit Klängen. Einem programmatischen Zwang unterwerfen sich Beck und Osterwold nicht. Dazu sind beide zu sehr Liebhaber guter Geschichten und enorm perfektionistisch. Um die ideale Übersetzung des Klassikers „Robinson Crusoe“ zu finden, haben sie rund 30 Ausgaben angelesen. Rufus Beck springt auf, sucht auf Margrit Osterwolds Schreibtisch nach dem ausgewählten Exemplar, liest den ersten Absatz, moduliert die Sätze, wiegt die Hüften dazu. „Die Sprache ist poetisch und hat eine schöne leichte Melodie“, sagt Beck begeistert. Rufus Beck liebt den Klang der Sprache. John Irving beispielsweise klinge „wie eine Mischung aus Mozart und Rock 'n' Roll".
Und noch etwas haben der Schauspieler und die Verlegerin gemeinsam. Beide haben ihre jeweiligen Kinder früh an Erwachsenenliteratur herangeführt – Margrit Osterwold ließ während der Fahrten aufs Land Klassiker-Lesungen laufen. Nathalie, 22, Sarah, 13, und Jonathan, 11, die Kinder von Rufus Beck und seiner Frau Yvonne, haben selbstredend alles von John Irving zu hören bekommen, dann Michail Bulgakows „Der Meister und Margarita“ („Die Kinder waren begeistert“) und sogar Kafka: „Als ich ihnen ‚Die Verwandlung‘ vorlas, habe ich das wie eine Geistergeschichte erzählt. Die Kinder haben sich wahnsinnig gegruselt. Man kann das alles ausprobieren, die Kinder fragen dann schon nach.“
Aber auch umgekehrt ließ sich Rufus Beck von seinem Sohn Jonathan an ein Stück Literatur heranführen. Einen Text von Eoin Colfer, den Margrit Osterwold ihm zur Ansicht geschickt hatte, hielt Rufus Beck für unbedeutend. Er gab ihn allerdings dem 11-Jährigen. Als der abends immer noch darin las, entschloss sich Beck, die Produktion doch zu realisieren. Bei der Aufnahme war er dann total begeistert von dem Werk. Wie sagt Rufus Beck in Anlehnung an die Fußballerweisheit „Die Wahrheit liegt auf dem Platz“? – „Die Wahrheit liegt im Studio.“
bk

Rufus Beck zum Hören, Genißen, Erleben
Jules Verne: Reise um die Erde in achtzig Tagen.
Hörbuch, Hamburg, 6 CD's, € 30.-
ISBN 3899030311

Rufus Beck zum Hören, Geniéßen, Erleben

Jules Verne: Reise um die Erde in achtzig Tagen.
Hörbuch, Hamburg, 6 CD's, € 30.-
ISBN 3899030311

Andreas Steinhöfel: Die Mitte der Welt.
Edition Rufus Beck bei Hörbuch, Hamburg, 8 CD's, € 39,90
ISBN 389903161X

Chris Van Allsburg: Der Polarexpress.
Hörbuch, Hamburg, 1 CD, € 10.-
ISBN 3899031660

J. K. Rowling: Harry Potter und der Orden des Phoenix.
Der Hörverlag, 27 CD's, € 99,95
ISBN 3899401727

John Irving: Garp und wie er die Welt sah.
Random House Audio, 19 CD's, € 89.-
ISBN 389830874X

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