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Kampf im Urwald
Interview mit Isabel Allende über ihren Roman "Die Stadt der wilden Götter"

Mit dem Roman "Das Geisterhaus" wurde Isabel Allende weltweit bekannt. In diesem Jahr erschien erstmalig ein Abenteuerroman von ihr, der sich nicht nur an Erwachsene, sondern auch an Jugendliche richtet: "Die Stadt der wilden Götter". Was sie dazu bewogen hat, darüber sprach Petra Kammann mit Isabel Allende.

Petra Kammann: Ihr neuer Roman "Die Stadt der wilden Götter" ist eine Art Reiseroman. Haben Sie sich jetzt innerlich von dem Thema Geschichte getrennt?
Isabel Allende: Ich schildere eine Reise ins Erwachsenenleben.
PK: Wie kam es dazu? Wollen Sie sich bewusst an junge Menschen wenden? Spiegelt das Ihr neues Interesse?
IA: Ich hatte zuletzt zwei historische Romane geschrieben, für die ich sehr viel recherchieren musste. Es war eine immense Arbeit, bei der ich natürlich auch sehr viel dazu gelernt habe. Wenn man über die Geschichte schreibt, kann man letztlich nicht so viel erfinden, weil durch die Vergangenheit fast alles vorgegeben ist. Sowohl für "Fortunas Tochter" als auch für "Portrait in Sepia" habe ich mich in eine Art "Zwangsjacke" stecken lassen. Da wollte ich wieder zu etwas Phantasievollerem, zu etwas Magischerem zurückkehren, weil darin auch meine Stärke liegt.
PK: Sie haben Jahre an der Durchdringung Ihrer eigenen Vergangenheit gearbeitet. Vielleicht können Sie danach auch nicht mehr so impulsiv über die Geschichte Ihrer Familie schreiben. Der Blick auf die Jugendlichen hat Ihnen sicher eine neue Zunkunftsperspektive eröffnet. Haben Sie sich damit vom Mythos des 19. Jahrhunderts befreit?
IA: Ich glaube schon.
PK: Was ist denn für Sie anders, wenn Sie ein Buch für Jugendliche schreiben, ich meine - auch psychisch?
IA: Psychisch ändert sich nichts. Das Schreiben selbst ist anders. Es ist insgesamt direkter. Es gibt mehr Action, mehr Dialoge. Die Kapitel sind kürzer und überschaubarer. Zwangsläufig. Der Leser ist ein anderer. Das bedeutet nicht, dass ich mir weniger Mühe geben würde, sorgfältig mit der Sprache umzugehen oder auch etwa mit der Konstruktion der Geschichte selbst. Dazu respektiere ich Jugendliche viel zu sehr.
PK: Oder wollten Sie einfach Jugendliche an die Natur heranführen, weil viele Jugendliche in den westlichen Großstädten sehr unnatürlich leben?
IA: Die meisten Kinder in den amerikanischen Städten leben sehr unnatürlich, wenngleich für sie heute die Umwelt eines der wichtigsten Themen ist. Das lernen sie heute schon früh in der Schule. Als ich in den Zeiten des Kalten Krieges Jugendliche war, war das Bedrohlichste noch die Atombombe. Heute haben Jugendliche Angst, dass der Planet vergehen könnte, weil wir ihn zerstören. Und das beschäftigt sie schon sehr früh.
PK: Wie sind Sie denn darauf gekommen, die Geschichte "Die Stadt der wilden Götter" im Amazonasgebiet spielen zu lassen? Kennen Sie sich im Urwald aus?
IA: Vor ein paar Jahren, als ich "Eva Luna" geschrieben habe, bin ich dorthin gereist. Da hat mich die Weite dieser riesigen verwirrenden und magischen Wasserlandschaft gewaltig fasziniert.
PK: Und dann konnten Sie sich so sehr dahineinversetzen, dass daraus sogleich ein neuer Roman entstand?
IA: Es war lediglich ein Stein des Anstoßes. Später bin ich dann noch mal hingefahren, um über Fauna und Flora zu recherchieren. Aber der zweite Band der Trilogie, den ich schon fertig geschrieben habe, spielt im Himalaya. Mich beschäftigen auch die Minderheiten, die in diesen entlegenen Gebieten leben.
PK: Ist Ihnen das genauso vertraut, als wenn Sie über Ihre eigene Geschichte schreiben?
IA: Nein, überhaupt nicht. Aber es ist eine große Herausforderung für mich. Auch, weil ich versuche, mir vorzustellen, wie ein junger Mensch empfindet. Ich weiß, was ich selbst gern in der Pubertät gelesen habe und was heute meine Enkel gerne lesen würden.
PK: Die Protagonistin, die Großmutter Kate Cold, ist Reiseschriftstellerin. Sie selbst reisen viel. Ist Kate für Sie eine Identifikationsfigur?
IA: Ist das nicht ein wunderbares Mittel, um die Kinder auf diese Weise an entlegene Plätze zu entführen? Kate ist bewusst nicht fürsorglich angelegt.
PK: Ist sie als Großmutter nicht zu fordernd, zu hart?
IA: Jugendliche lieben in Wirklichkeit Persönlichkeiten, die ihnen etwas vermitteln und etwas von ihnen verlangen.
Heute frage ich mich manchmal, ob ich meinen eigenen Kindern gegenüber nicht viel zu liberal war. Wenn ich mir meinen Sohn anschaue, so ist er außerordentlich strikt und streng geworden. Er hat mich mit meinem unkonventionellen Leben als Hippie empfunden. Mein eigenes Verhalten war natürlich auch eine Reaktion auf meine Situation. Ich selbst habe ja in einem engen Land die Probleme einer autoritären Erziehung erlebt. Ich war zum Beispiel bewusst aus der katholischen Kirche ausgetreten und - was sicher noch viel schwerer wog - ich wurde eine kämpferische Feministin. Das war das allerschlimmste. Denn damals gab es insgesamt nur fünf engagierte Feministinnen im ganzen Land.
PK: Aber auch Ihre eigene Mutter war nicht gerade sehr angepasst. Sie ging mit ihrem zweiten Mann fort, als Sie gerade mal drei waren.
IA: Mit dem ist sie übrigens nach über 40 Jahren noch immer noch zusammen und weder geschieden noch wieder verheiratet. Ich war u.a. auch deshalb so feministisch engagiert, weil ich meine Mutter in dieser Geschichte als Opfer erlebt habe. Ich wollte, dass es der nachfolgenden Generation anders ergehen sollte. Da mein Stiefvater Botschafter war, haben wir dann viele Jahre im Ausland verbracht, mit der Folge, dass ich nirgends wirklich Wurzeln schlagen konnte.
PK: Großmütter spielen in Ihrem Leben wie in vielen Ihrer Romane eine ganz entscheidende Rolle. Sie geben ihren Enkeln Erfahrung und Weisheiten mit auf den Weg. Wenn ich jedoch Kate Cold einmal mit Clara im "Geisterhaus" vergleiche, dann ist sie als Großmutter wesentlich spröder und ruppiger.
IA: Ich habe sie ganz bewusst so angelegt, denn sie ist keine "Kuscheloma", die die Enkel verwöhnt. Sie ist eine Art Mentor für die Kinder. Sie fordert sie soweit heraus, dass sie ihre Grenzen erleben. Sie hat etwas Wildes und Unverwechselbares, das für die heutigen Kinder sicher sehr anziehend ist. Aber sie kann ihnen auch neue Welten eröffnen und sie mit anderen Verhaltensmustern vertraut machen. Das beginnt schon beim Essen. Die Kinder heute - besonders in Amerika - haben alles im gefüllten Kühlschrank und sind nicht gewöhnt etwas zu essen, was sie nicht mögen. Also muss sich jemand wie Alex auf der Expedition überwinden und Dinge essen, die er nicht kennt und eklig findet.
PK: "Die Angst ist ein schwarzer Keller, der einem Angst macht. Wenn man in ihn hineingeht, stellt man fest, dass man auch wieder herauskommt", sagten Sie einmal in Bezug auf sich selbst. Machen die Jugendlichen nicht auch diese Erfahrung im Dschungel?
IA: Völlig richtig. Sie entwickeln ganz andere Instinkte, um sich in der Wildnis und in ungewöhnlichen Situationen zurechtzufinden. Alex kommt es jetzt auch ganz komisch vor, wenn er an seine angebetete Freundin aus der Schule denkt. Dort kann er sie sich gar nicht vorstellen. Diese Erfahrung lässt seine Groß-mutter ihn machen. Mir war wichtig, dass die Herausforderung von einer Frau kommt, der man einfach nichts vormachen kann und nicht von einem Mann. Er kann stolz auf seine Großmutter sein.
PK: Hat es Sie nach dem Riesenerfolg von Harry Potter nicht gereizt, eine Fantasy-Geschichte à la Rowling zu erzählen?
IA: Nein, meine Geschichten haben immer ihre Wurzeln in der Realität. Deshalb ist es eine magisch-realistische Geschichte geworden - in gut lateinamerikanischer Tradition. Fantasy hat nicht wie diese ihre Wurzeln in der Realität.
PK: Die Religion oder die Spiritualitätscheint für Sie eine Rolle zu spielen. Sie flechten auch die Mythen und Legenden der "Nebelmenschen", der Indianer im Amazonasgebiet, einer Minderheit, ein. Glauben Sie an die Geschichten von Mond, Sonne oder Nebel?
IA: Vielleicht sind Schriftsteller grund-sätzlich immer von Außenseitern der Gesellschaft und deren Geschichten fasziniert. Die Mythen der Indianer, die ich verwende, sind übrigens ganz real und aus der Natur entwickelt. Das habe ich recherchiert. Über Vater Sonne, Frau Mond, die Erde, den Milchfluss usw.
PK: Konnten Sie deren Geschichten denn ganz natürlich in Ihre Geschichte einbauen?
IA: Seit Paulas Tod haben mich die Mythen ganz besonders interessiert. In "Paula" spielt die griechische Göttin Demeter eine große Rolle. Sie sucht ihre Tochter im Hades. Vielleicht habe ich ein spirituelles Verhältnis zu den Gottheiten, zu Licht und Schatten. Der zweite Band der von mir angelegten Romantrilogie nach "Die Stadt der Götter" ist sicher noch spiritueller, wohl weil er im Himalaya spielt. Und im letzten Band soll es um den Frieden gehen. Aber so genau weiß ich das noch nicht.
PK: Die Kinder machen aber auch die Erfahrung, dass die Natur auch ihre grausamen Seiten hat und der "edle Wilde" auch gewalttätig sein kann.
IA: Aber das entspricht doch auch einer gesunden Lebenserfahrung. Ein Leben ohne Gewalt und Grausamkeit gibt es nicht. Da würden wir uns ja etwas vormachen. Das heißt nicht, dass wir die Verhaltensweisen anderer Völker nicht zu respektieren hätten und versuchen sollten, sie zuerst einmal zu verstehen.
PK: Sie selbst haben inzwischen viel von der Welt gesehen. Haben Sie Ihre Erlebnisse im Tagebuch aufgeschrieben?
IA: Es war wohl eher eine Art Notizbuch. Darin halte ich übrigens weniger die äußeren Eindrücke fest als vielmehr meine Träume. Mit diesen Traumspuren kann ich dann später immer wieder weiter arbeiten.


Isabell Allende: Die Stadt der wilden Götter.
Für Erwachsene: Suhrkamp, 328 Seiten, € 22,90
ISBN 3518413503
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Jugendbuchausstattung: Hanser, 360 Seiten, € 16,90
ISBN 3446201882
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