|
|
|
|
|
|
Die Ungezähmte Leseprobe aus: Brigitte Hamann: Winifred Wagner oder Hitlers Bayreuth
Winifried, die Frau des Wagner-Sohns Siegfried, war mit Hitler gut bekannt. Brigitte Hamann zeigt, dass die Freundschaft zwischen "Winnie" und "Wolf", wie Hitler im Hause Wagner genannt wurde, viele Facetten hatte. Erstmals werden die komplizierten Fäden zwischen dem Diktator und der Künstlerfamilie ausführlich entwirrt.
|
|
|
|

|
|
Ein Waisenkind aus Sussex (1897-1915)
Von England nach Berlin
Am 8. April 1907 geriet das neunjährige englische Waisenkind Winifred Marjorie Williams in den Dunstkreis Richard Wagners. Auf der Suche nach Menschen, die bereit waren, das schwerkranke Kind für einige Erholungswochen aufzunehmen, stieß die Anstaltsleitung des St. Margaret's Orphanage in East Grimstead (Sussex) auf eine entfernte Verwandte der Kindesmutter, die damals 70jährige Henriette Klindworth, geborene Karop, in Berlin. Sie und ihr 77jähriger Mann Karl waren bereit, das unbekannte Mädchen für sechs Wochen zu sich zu nehmen. Das Datum ihrer Ankunft, den 8. April 1907, bezeichnete Winifred später als den Beginn eines neuen Lebens. Die kinderlosen Klindworths lebten seit Jahrzehnten in Berlin und waren deutsche Staatsbürger. Zu Hause sprachen sie englisch, und wie aus ihren Briefen erkennbar, sprach Henriette Klindworth nur mangelhaft Deutsch.
Klindworth, Pianist und Klavierlehrer, Gründer des Karl-Klindworth-Musikkonservatoriums in Berlin, war ein Meisterschüler Franz Liszts und Freund Wagners gewesen. Sein Lebenswerk sah er in der Anfertigung von Klavierauszügen der Werke Wagners, vor allem des Rings des Nibelungen. Aus finanziellen Gründen gab er trotz seines Alters noch Klavierstunden.
Klindworth war ein Bewunderer von Wagners Witwe Cosima, der Tochter seines verehrten Lehrers Liszt, und schrieb ihr im April 1907: "Nun haben wir in unserem hohen Alter auch noch eine Sorge übernommen - die Erziehung und Versorgung eines kleinen lieblichen Mädchens von 10 Jahren, das gänzlich ohne Mittel, allein in der Welt steht. Sie ist eine kleine Engländerin, entfernte Verwandte - nun muß man wieder wünschen zu
leben, lang genug, bis das kleine Wesen die Selbständigkeit gewonnen, sich allein weiter zu helfen." Rasch war klar, daß die Klindworths das Kind ganz bei sich behalten wollten.
Als Mitbegründer der Obstbaumkolonie "Eden" in Oranienburg bei Berlin lebten die Klindworths in dieser Genossenschaftssiedlung zusammen mit
Bodenreformern, Vegetariern, Anhängern von Körperkultur und naturnahem Leben, Freidenkern und Gegnern von Industrialisierung und Bodenspekulation. Sie bauten auf dem schlechten Sandboden der Mark erfolgreich Obst, Gemüse und Blumen an und führten ein geselliges Leben.
Die meisten Siedler waren deutschvölkisch, antisemitisch und verfochten das Ideal von Blut und Boden ohne "kapitalistische" Ziele. Klindworth schickte auch an Cosima Wagner regelmäßig Kostproben aus seinem Obstgarten.
Die gesunde Landluft, so meinte das alte Paar, würde dem Kind guttun und seine Krankheit lindern. Winifred litt an einer schweren Hautkrankheit und muß in diesem Zustand, mit roter, blutender Haut, keinen schönen Anblick geboten haben. Winifred später: Ich hab mich dort sofort sehr sehr wohl gefühlt. Die Klindworths hätten sich in einzigartiger Güte und Liebe des
verwaisten, nur englisch sprechenden Kindes angenommen. Die wunde Haut heilte in der Fürsorge des alten Paares und der Idylle der sommerlichen Kolonie Eden. Es war das erste Mal, daß jemand das lebhafte Kind bei sich behielt. Geboren wurde Winifred am 23. Juni 1897 in Hastings (Sussex) als einziges Kind aus der zweiten Ehe des damals 54jährigen Schriftstellers, Tropeningenieurs und Theaterkritikers John Williams und der um 25 Jahre jüngeren Schauspielerin und Malerin Emily Florence, geborene Karop: Meine Mutter ist als junges Mädchen von zu Hause fortgelaufen, um Schauspielerin zu werden. Und mein Vater hat sie auf der Bühne kennengelernt, also als Kritiker ihrer Kunst.
Als das Kind noch nicht ein Jahr alt war, starb der Vater an einer Leberkrankheit, die er sich in Indien geholt hatte. Ein Jahr darauf fiel die junge Mutter einer Typhusepidemie zum Opfer. Winifred hatte keine Erinnerung an die Eltern, noch nicht einmal ein Bild von ihnen. Erst im Alter, als sie Verwandte in England und Dänemark aufspürte, erhielt sie ein Photo ihrer Mutter und erkannte eine große Ähnlichkeit. Viel später erfuhr sie auch, der Vater habe 12000 Pfund allein an literarischen Unternehmungen verbuttert
... Ein schönes Haus sei auch da gewesen, aber derartig mit Hypotheken belastet, daß auch da nichts für mich herauszuschlagen gewesen sei! Und sie setzte hinzu: Diese leichtsinnige Ader habe ich vom Vater. Das verwaiste Kleinkind kam zu Verwandten, die es aber nicht behielten, so
daß ich als Kind von einer Hand in die andere Hand gereicht wurde. Mit vier Jahren wurde sie in der Hoffnung auf eine Adoption nach Gotha in
Deutschland zu entfernten Verwandten ihres Karop-Großvaters geschickt. Sie sei sehr glücklich im Haus des neuen "Großvaters" gewesen, eines
bekannten Mathematikers, aber weniger glücklich waren die sozusagen Adoptiveltern. Ich war ein viel zu wildes Kind, und nach einigen Monaten
haben sie mich prompt nach England zurückgeschickt. Die Ratlosigkeit war groß, was mit diesem wilden Ding nun anfangen, und da hat man mich in ein Waisenhaus gesteckt.
Das Waisenhaus war für das Kind ein Ort des Schreckens. Noch kurz vor ihrem Tod erzählte Winifred ihrer Urenkelin Wendy Einzelheiten über die eiserne Disziplin und die grausamen Strafen. So seien Kindern, die bei einer Lüge ertappt wurden, Lippen und Mund mit scharfem englischen Senfpulver bestrichen worden. Sie habe großes Heimweh nach dem "Großvater" gehabt und sei sehr traurig gewesen, als sie von seinem Tod erfuhr. Der Kummer verschlimmerte ihre Hautkrankheit. Die Ärzte waren machtlos und rieten dringend zu einem kontinentalen Klima - wohl auch, um den komplizierten Fall loszusein.
Leseprobe aus:
Brigitte Hamann: Winifred Wagner oder Hitlers Bayreuth
Piper 2002, 656 Seiten, € 25,90
ISBN 3492043003 |
|
|
|