| Kismet Türke |
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| Jakob Arjouni: Kismet |
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Kayankaya ermittelt wieder in Jakob Arjounis neuem Roman »Kismet«. Ein Interview von Petra Kammann.
Zieht Berlin, die neue deutsche Metropole, Sie in besonderer Weise an? Wie haben Sie die Stadt im Verhältnis zur unmittelbaren Nachwendezeit erlebt?
Im Alltag hat sich nicht viel geändert. Was sich geändert hat, sind Steine. Und die interessieren mich nicht ... Aber es kommen jetzt mehr Leute aus anderen Ländern. So ist es internationaler und bunter geworden.
Gibt es Auswirkungen auf die Kriminalität: Russen-Mafia? Oder unkontrollierbare Einwanderer aus dem Osten?
Immer, wenn sich neue Gruppen versuchen, irgendwo zu etablieren, fangen sie unten und oft kriminell an, so ist das eben. Aber, wann immer was passiert, spricht man von der »Russen-Mafia« oder vom »Polenmarkt«. Das finde ich langweilig. Wenn ein Russe irgend eine Tasche stiehlt, ist es gleich die Russenmafia. Wenn ein Deutscher einen Banküberfall mit drei Toten macht, dann ist es ein Banküberfall von einem Mann. Die Verbrecher werden unterschiedlich bewertet. Mir gefällt es, dass nach der Wende wieder Polen und Russen in die Stadt kommen, wie schon in den 20er Jahren.
Als Krimi-Autor suchen Sie bewusst die Stätten des Verbrechens auf. Dann müssen Sie ja durchaus Ross und Reiter nennen. Woher also die Scheu?
Alle haben so etwas gerne klar definiert. Russen-Mafia ist ja auch ein Mythos. Natürlich gibt es kriminelle Gruppen. Genauso, wie es organisierte kriminelle Deutsche gibt, d.h. Leute, die zufällig in Deutschland geboren sind. Geschichten fallen mir überall ein. Mein Material ist mehr das eigene Leben als eine Stadt. Und dann siedelt man sie dort an, wo man sich zufällig auskennt.
Ihre Krimis sind jedoch nicht unabhängig von den Milieus, sei es Frankfurt oder Berlin.
Frankfurt wird jetzt immer mehr ein Phantasie- und Sehnsuchtsort für mich. Ich weiß eben, wie dort die Steine riechen. Das kann ich von Berlin nicht sagen. Deshalb fallen mir Verbrechen halt eher im Frankfurter Bahnhofsviertel ein. Und dazu fallen mir Geschichten ein. Nicht umgekehrt. Ich denke nicht: Jetzt müsste ich mal einen Hauptstadtroman schreiben und deswegen nach Berlin ziehen, um die Berliner Luft zu atmen.
Ihr Detektiv Kemal Kayankaya agiert im Frankfurter Bahnhofsviertel. Da geht es ja ganz schön zur Sache. Haben Sie keine Angst, dass sich jemand an Ihnen rächen könnte, weil Sie die Dinge so realitätsnah beschreiben?
Ich bin ein sehr ängstlicher und vorsichtiger Mensch und mache, dass ich wegkomme. Früher ging ich aus anderen Gründen dahin. Mit 14 wollte ich nämlich Billard-Profi werden. Vom Internat aus fuhr ich immer nach Frankfurt, um Billard zu spielen. Damals gab es dort auch noch eine richtige Halle mit 10 oder 20 Tischen. Da hab ich immer am Wochenende gespielt. Das Bahnhofsviertel war natürlich spannend mit den Bildern von den Mädels. Das Viertel hat sich aber seither durch die Drogen verändert. Es ist härter geworden. Als ich ein kleiner Bub war, nahm mich mein Vater immer mit zum Muschelessen. Und zu Avocados, die es sonst nirgends gab. Und er nahm mich mit in Restaurants mit Tabledance. Das war für mich als Kind wie Zirkus, sehr bunt und sehr eng, sehr gemischt, international und glitzerig.
Aber in Ihrem Roman beschreiben Sie ja nicht nur die bunten, sondern auch die ganz unappetitlichen und brutalen Seiten des Viertels. Empfinden Sie da gar keinen Ekel?
Nee. Und beim Schreiben schreibt man es ja weg. Ein Ereignis hat mich sicherlich geprägt, dass die Dinge doch ganz anders sein können, als man von außen erkennen kann, und dass sie so eine eigene Schönheit und so ein pralles Leben haben können.
Erzählen Sie von dem Ereignis.
Als ich beim Billardspielen war in dem Billard-Salon, gab es auf einmal ein Riesengeschrei und Feuerwehr. Ich schaute aus dem Fenster. Aus dem Haus gegenüber kam ein Typ rausgestürzt mit einem Messer im Bauch. Er war nicht tot, man sah aber den Messerknauf rauskommen – es war wie im Comic. Dann hörte man auch schon den Krankenwagen. Der Mann war graugesichtig und völlig am Ende. Aus den verschiedenen Häusern sammelten sich sofort Schaulustige an. Als so dreißig um ihn rum waren, lebte er auf. Man sah, wie er immer größer und breiter wurde – und immer mit diesem Messerknauf im Bauch. Und er erzählte, wie das war und bauschte es zu einer Riesengeschichte auf. Und die Leute hörten gebannt zu, bis der Krankenwagen kam. Als man ihn auf die Bahre legen wollte, sträubte er sich, weil er weiter erzählen wollte. Er wurde für fünf bis zehn Minuten so ein Held der Straße. Er strahlte förmlich. Es müssen die schönsten Momente seines Lebens gewesen sein. Das ist so, wie wenn man nach einer durchtrunkenen Nacht durch die Straßen torkelt und alles nach Teer riecht. Eigentlich ist alles grässlich. Aber es ist so schön, am Leben zu sein.
Und wie kristallisieren sich denn für Sie die Themen dabei heraus?
Die wesentlichen Themen, über die man schreibt, bilden sich wahrscheinlich zwischen 14 und 18 heraus. In einer Zeit, in der man zum ersten Mal die Gier schmeckt, den Duft des Apfelmosts bei der Apfelernte riecht. Aus dieser Zeit schöpft man später immer wieder, weil diese Eindrücke so groß und nachhaltig sind. Und für mich war Frankfurt eben die erste große Stadt, die ich kennen gelernt habe. Das hat das Bild von einer großen Stadt geprägt, auch wenn ich längst weiß, dass sie ganz schön klein ist.
Wie kamen Sie darauf, den Vorzeige-Türken Kayankaya als Helden zu erfinden? Ihr eigener Name, den Sie sich selbst gegeben haben, klingt ja auch ein bisschen türkisch? Finden Sie das politisch korrekt oder chic?
Als ich zu Schreiben begann, waren es zunächst Theater-Stücke. Da meine beiden Eltern im Theaterbereich tätig waren, wollte ich da als no name nur mit meinen Texten reinkommen. Theater ist ja noch puffiger als der Literaturbetrieb, noch enger, kleiner, hinterrückser und korrupter. Das war der einzige Grund, weshalb ich mir einen anderen Namen gab. Und da ich damals mit einer Frau verheiratet war, die Arjouni hieß, hab’ ich ihren Namen genommen. Der gefiel mir. Mit neunzehn kannte ich den Betrieb noch viel zu wenig und war ziemlich überrascht, als das Gerücht aufkam, ich wäre Türke.
Identifizieren Sie sich mit der Figur? Können Sie sich denn in die Psyche eines »Ausländers« hineinversetzen?
Als ich anfing, in Frankreich zu leben, habe ich mir eigentlich einen Freund zurechtgeschrieben. Ich war dort sehr allein, weil ich damals kein Französisch sprach. Das habe ich beim Kellnern dann gelernt. Eigentlich ist Kayankaya aus der zweiten Einwanderergeneration. Er ist hier geboren und hat türkische Eltern. Er ist aber auch Frankfurter und das bin ich auch. Als Figur könnte Kayankaya natürlich alles mögliche sein. Wie andere Frankfurter möchte der das Wochenende auch gern am Fernseher verbringen. Warum auch immer, mich interessiert das Fremdsein, gleich wo. Ich fühle mich schon, sobald ich die Wohnung verlasse, im Ausland. Da bin ich nämlich auch ein Fremder.
Jemand, der woanders herkommt, hat doch sicher eine andere Geschichte als jemand, der immer an einem Ort geblieben ist. Und ob ein Bielefelder oder ein Albaner nach Frankfurt kommt, da gibt es sicher andere Geschichten, auch wenn alle Menschen von den gleichen Grundmotiven wie Liebe, Schmerz, und Trauer bestimmt sind.
Natürlich fließt das ganz viel ein. Natürlich ist Kayankaya nicht nur Frankfurter, der nur Frankfurter ist. Er hat auch noch Eltern von woanders. Aber nicht das prägt die Menschen. Auch der Bielefelder, der immer nur in Bielefeld gelebt hat und dort auch sterben wird, ist eine Geschichte für sich. Ich bin auch nicht der betonte Multi-Kulti- Schreiber, wie viele denken. Was man sich aussuchen kann, ist, in welche Ecke man gucken will. Die einzige politische Entscheidung beim Schreiben ist, ob ich nach unten oder nach oben gucke, auf die Armen oder die Reichen. Und hier war es der indirekte Blick auf das zerstörte Paradies Jugoslawien, das mich interessierte in ... Kismet.
Jakob Arjouni: Kismet. Ein Kayankaya-Roman.
Diogenes 2001, 264 Seiten, DM 36,90/öS 269,-/sFr 36,90
ISBN 3-257-06263-X
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