| Der andere Bauch von Paris |
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| Ein Spaziergang mit Daniel Pennac durch Belleville |
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Das Einwandererviertel rund um den Friedhof Père Lachaise, das an den höchsten Berg von Paris, den Ménilmontant grenzt, war Heimat der französischen Chansonniers wie Edith Piaf und dient Daniel Pennac als Inspirationsquelle für seine Malaussène-Romane. Gerade erschienen "Adel vernichtet" und "Vorübergehend unsterblich".
Kinder, alte Leute, Afrikanerinnen, Chinesen, Vietnamesen, Algerier, Tuareg, Kabylen, Marokkaner, sämtliche Mittelmeervölker und auch zarte alte Pariser Damen drängeln sich im Geschrei zwischen Kisten und Sardinen, zerquetschten Tomaten, herumkullernden Auberginen, Blumenresten und suchen emsig heraus, was noch brauch- bzw. essbar ist. - Für manche verbirgt sich hier eine ganze frische Mahlzeit, die sie sich sonst nicht leisten können. Für andere stellen diese Marktreste eine Einnahmequelle dar, weil sie weiterverkaufen, was andere wegschmeißen. Der Countdown läuft. Das große grüne Müllauto der "Propreté de Paris" fährt dem quirligen Völkchen fast schon über die Füße. So geht es allwöchentlich auf dem lebendigsten und längsten Obst- und Gemüsemarkt von Paris zu. Alle schauen hier, was sie kriegen können. Dorthin sind sie aus den Häusern und Wohnblocks ausgeschwärmt, wo sie jeweils auch bunt gemischt zusammenwohnen - all diese Einwanderer, die seit vielen Jahren aus den verschiedensten Ländern hier gelandet sind, um ihr Glück zu machen.
Während ich mit Daniel Pennac das Viertel durchstreife, komme ich aus dem Staunen nicht heraus. Geschichten über Geschichten liegen an jeder Ecke, hinter jeder farbigen Auslage und in fast jedem Haus verborgen. Kein Wunder, wenn auf engem Raum die halbe Welt lebt. Im 19. Jahrhundert hieß dieses Viertel der "Gemüsegarten von Paris", "les choux".
Mit der Industrialisierung wandelte es sich zum Arbeiterviertel, in dem 1870 unter Gambetta die Kommune ausgerufen wurde. Im 20. Jahrhundert gab es nach und nach dann die Migrationsbewegungen. 1915 kamen die Armenier, die sich vor den Massakern der Türken geflüchtet hatten. Es folgten Juden erst aus Russland und Polen, dann aus Deutschland. Später um den Algerienkrieg, die Einwanderer und Pieds Noirs aus dem Maghreb, dann die Spanier und Portugiesen. Nach der Entkolonialisierung die Kariben, und Westafrikaner. Erst dann kamen die Vietnamesen. In letzter Zeit sind allerdings die Chinesen unaufhaltsam. Die Franzosen sind jedoch auch immer hier geblieben. Schließlich machte die Mischung aus all diesen Nationalitäten und Völkern die Lebendigkeit des Viertels aus. Denn jeder hat sein kleines Geschäft hier aufgebaut, als Gemüsehändler, Bäcker oder Schlachter, Café- oder Restaurantbesitzer. Neben der muselmanischen Metzgerei liegt die koschere Pâtisserie, und ein paar Schritte weiter der vietnamesische Supermarkt und die chinesische Librairie. Inzwischen fühlt sich das Viertel durch die reichen Chinesen bedroht. Auch manches nostalgisch anmutende, wenn auch schmutzige Haus haben die Spekulanten ins Auge gefasst. In letzter Zeit kümmert sich jedoch eine Art Bürgerinitiative, "La Bellevilleuse", darum.
So lang gibt es hier jedoch noch alles und von Allem in einem kunterbunten Nebeneinander. Deshalb wohnt Pennac auch seit 30 Jahren gerne in diesem Viertel. Das "Weltgeschehen findet auf der Größe eines Taschentuchs" statt, ist seine treffende Formel dafür.
Der in Casablanca auf einem "Zwischenstopp" geborene französische Autor kam nach vielen Umzügen als Student. Er weiß, wovon er redet. Als Kind hat er in den verschiedensten Ländern des Maghreb und Afrikas gelebt, weil sein Vater - den er sehr verehrt - als Offizier ständig versetzt wurde (nach dem Krieg übrigens nach Idar-Oberstein). Pennac jedoch wurde schließlich in Paris ansässig. Nach seinem Studium wurde er Lehrer und blieb es 27 Jahre lang, bevor er vom Schreiben leben konnte. Da alle Kinder auch die Schule besuchen müssen, gab es - eigentlich untypisch für Paris - auch gegenseitige Hausbesuche mit einer Art von sozialem Materialienhandel. Den einen half er bei den Hausarbeiten der Kinder, dafür bekam er Couscous. Bei den anderen füllte er die endlosen Papiere aus und erhielt ein fernöstliches Reisgericht. Durch diese Art des Austauschs öffnete sich ihm die "Seele" des Viertels und damit auch der Blick für die dahinterliegenden Geschichten, die er auf humorvolle Weise erzählt und umwandelt. Sie handeln von einfachen aber skurrilen Leuten, Schwerenötern, Engeln und Hurenkindern, kleinen Gaunern, Tunten und Sündenböcken, von "tout Belleville" eben. Eines fällt auf. In all der Verschrobenheit geht's familiär zu und die Akteure haben das Herz auf dem richtigen Fleck.
An Stoff mangelt es also nicht. Und daher steht die Familienbande der Malaussènes im Mittelpunkt von Pennacs Romanen - eine "Familie, in der die Liebe seit Stammesgedenken nur Unkittbares hervorgebracht hat". In "Monsieur Malaussène" haben sie sich u.a. für ein Kino, das "Zèbre" starkgemacht, was in der Realität wohl auch geholfen hat. Es wurde nicht abgerissen. Stattdessen zieht ein Zirkus ein.
Die Figuren leben aus und mit dem Bauch.
Insofern wirkt es sehr komisch, wenn in Pennacs soeben erschienenen Roman "Adel vernichtet" ein feiner blaublütiger "Oberrechnungsrat erster Klasse" namens Marie-Colbert de Roberval um die Hand der unschuldigen und etwas esoterisch angehauchten und bis über beide Ohren verliebten Schwester Benjamin Malaussènes, Thérèse, anhält. Die Malaussènes reagieren misstrauisch auf den ehemaligen ENA-Studenten und Eindringling. Denn im Gegensatz zu ihren Vorgeschichten lässt sich seine Familienlinie bis auf Ludwig XIV. zurückverfolgen, während Thérèse ihr eigenes Schicksal zum Gespött der anderen Malaussènes vom I-Ging eines Chinesen aus dem Viertel abhängig macht. Eine Kabylin aus dem "Deux Rives", einem Berber-Restaurant und Pennacs persönliche "Kantine" in Nähe der Metrostation "Pyrénées", liest die Sterne. Dort trifft man sich, um Couscous oder Merguez zu essen und hier werden schließlich auch die Konsequenzen der Astrologie ausgetragen.
Mehr von der komischen und kriminellen Mésalliance zwischen Thérèse und Marie-Colbert de Roberval, bei deren Hochzeit auch die Tunten und Hurenkinder Bellevilles nicht fehlen dürfen, wird nicht verraten...
Petra Kammann
LESETIPPS
Monsieur Malaussène.
Kiepenheuer & Witsch, DM 45,-/öS 329,-/sFr 43,-
ISBN: 3-462-02611-9
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Große Kinder - kleine Eltern.
Kiepenheuer, DM 18,90/öS 138,-/sFr 18,40
ISBN 3-462-02804-9
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Wie ein Roman.
Kiepenheuer, DM 29,80/ öS 218,-/sFr 29,80
ISBN: 3-462-02363-2
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Adel vernichtet.
Kiepenheuer, DM 36,-/öS 265,-/sFr 35,-
SBN: 3-462-02931-2
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Vorübergehend unsterblich.
Kiepenheuer, DM 12,80
ISBN: 3-462-02953-3
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