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Eine Dichterin im Gepäck
Eine Reise mit Isabel Allendes Roman »Fortunas Tochter« nach Chile

Isabel Allende ist mit ihrem Roman »Fortunas Tochter« eine ebenso sinnliche wie bilderflirrende Geschichte geglückt, ein fesselnder Abenteuerroman, dessen Schauplätze trotz aller Imagination im realen Chile zu finden sind.

Vor allem dann, wenn die große chilenische Fabuliererin gerade einen neuen Roman vorgelegt hat, dessen Ausgangspunkt eine Hafenstadt in Chile bildet. Und so ist ihr erster Roman nach sieben Jahren, »Fortunas Tochter«, mit von der Partie nach Chile.

Aber gehören die Bücher der Allende, die 1973 nach dem Militärputsch ins Exil nach Caracas, Venezuela, floh, denn wirklich in jeden Koffer gen Chile? Denn obwohl Isabel Allende 1994 mit der bedeutendsten kulturellen Auszeichnung ihres Landes, dem Gabriela Mistral-Preis geehrt wurde, lehnen sie viele ihrer Landsleute noch immer aus politischen Gründen ab. Den Riss zwischen rechts und links, der sich noch heute durch die chilenische Gesellschaft zieht, spürt auch der Besucher. So reagiert der Guía Turismo, der Fremdenführer Gerardo Renner, mit größtem Widerwillen, als er den Namen Allende auf dem Buchumschlag des Gastes bemerkt. Abfällig bezeichnet er die 57-Jährige als Staatsfeindin, ja als Hexe, um bald darauf mit gesenkter Stimme zu fragen, was denn eigentlich in ihren Büchern so stünde. Von ihrem Roman »Das Geisterhaus« habe er natürlich schon gehört, und auch »Eva Luna« kenne er dem Titel nach, aber lesen, lesen würde er die Allende nie. Bei einer Reittour durch die Berge in Patagonien lerne ich den 22-jährigen Studenten Gabriel aus Santiago kennen, den Gerardo Renner zuvor bereits als Kommunisten abgekanzelt hat. Aber auch Gabriel fragt nach der berühmtesten Chilenin, auch er will wissen, wie ihre Bücher denn so seien. Er selbst gehe lieber ins Kino, verehre Tarrantino und Scorsese.

Obwohl ich noch keine Zeile des Romans »Fortunas Tochter« lesen konnte, habe ich bereits viel durch Isabel Allende von Chile erfahren. Nach zwei Tagen Autofahrt über Schotterpisten sind wir wieder zurück in dem Hafenstädtchen Punta Arenas, direkt an der Magellanstraße. Nun kann ich endlich eintauchen in Allendes Erzählkosmos, kann von ihrem ganz eigenen, imaginierten Chile lesen. Oder wie sie, die seit zwölf Jahren in Kalifornien lebt und jedes Jahr einmal nach Chile reist, in einem Interview mit der »Zeit« sagte: »Wenn ich über Chile schreibe, dann sind es Wurzeln in einem Chile, das ich in gewisser Weise selbst erfunden habe.«

Und wirklich: Ihre bilderreiche Geschichte einer Handvoll Menschen entführt den Leser in untergegangene Welten. Sie führt nicht nur in das Chile Mitte des 19. Jahrhunderts, sondern auch in das China des Opiumkrieges und in den vom Goldrausch heimgesuchten Wilden Westen Amerikas. Da ist die Heldin Eliza, die als Säugling nackt vor der Tür des englischen Geschwisterpaares Sommers in der noch kleinen chilenischen Hafenstadt Valparaíso abgelegt wird. Trotz aller Widerstände ihres Bruders besteht Miss Rose darauf, das Mädchen wie ihre eigene Tochter aufwachsen zu lassen. Und so wird Eliza mit dem schwarzen Indiohaar und den dunklen Augen zu einem englischen Mädchen erzogen. Sie verlebt eine von Strenge und Konvention geprägte Kindheit. Doch auch die indianischen Traditionen und Weisheiten ihrer Kinderfrau bestimmen das Leben der Kleinen. Allende erzählt aber nicht nur vom wechselvollen Schicksal ihrer Eliza. Ebenso führt sie die Leser in die Kindheit und Jugend des Schiffskochs und chinesischen Arztes Tao Chi´en oder bringt Licht in das biografische Hinterland der englischen Miss Rose. Zuletzt laufen alle Lebensfäden im Wilden Westen wieder zusammen.

Isabel Allende ist mit ihrem Roman »Fortunas Tochter« eine ebenso sinnliche wie bilderflirrende Geschichte geglückt, ein fesselnder Abenteuerroman, dessen Schauplätze trotz aller Imagination im realen Chile zu finden sind. Da gibt es die fruchtbaren, von schneebedeckten Bergen gesäumten Landschaften in der Nähe von Valparaíso, da bewacht noch immer der gewaltige San Rafael Gletscher die südlichen Anden.

Doch Allendes Roman bezieht seinen Reiz nicht nur aus den sinnlichen Schilderungen der Landschaften Chiles, sondern vor allem aus der Spannung zwischen starren Konventionen und menschlichen Leidenschaften. Falls Sie jemals in das landschaftlich atemberaubende, politisch zerrissene Chile fahren sollten, versäumen Sie es nicht, ein Buch von Isabel Allende mitzunehmen. Ich garantiere Ihnen: Allein mit ihrem Namen auf dem Umschlag lernen Sie das Land beziehungsweise die Leute richtig kennen.
Tanja Rauch

Isabel Allende: Fortunas Tochter
Suhrkamp, 483 Seiten,
DM 49,80/öS 364,-/sFr 46,-
ISBN 3-518-41075-X

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