
Foto: Olivier Favre
Das Land der Einsamkeit und Melancholoie
Im hohen Norden ist der Krimi erst wenige Jahre alt. Begründet hat ihn Arnaldur Indriðason, aber inzwischen gibt es Nachwuchs. Und die These, dass isländische Fälle bald beliebter sind als schwedische.
Stoff für Krimis liegt in Island zurzeit buchstäblich auf der Straße. Seit dem Wirtschaftscrash im Herbst 2008 sind viele Privatleute und Unternehmen hoffnungslos überschuldet, und allein in der Hauptstadt Reykjavík gibt es Dutzende Bauruinen – Wohnhäuser, Bürogebäude und sogar ganze Shoppingmalls stehen leer oder sind gar nicht erst fertig geworden. Und die Arbeitslosigkeit ist von einem auf mehr als zehn Prozent gestiegen.
„Guten Krimistoff wird das sicherlich bieten“, sagt Arnaldur Indridason – oder Arnaldur, wie man in Island sagt: Sogar die Telefonbücher sind auf der Insel mit den nur etwa 320 000 Einwohnern nach Vornamen geordnet. Irgendwann einmal wird auch Arnaldur vielleicht über die aktuellen Entwicklungen in Island schreiben, über die Spekulations- und Investitionsblasen, den Konkurs des Staats und die Wut der meisten seiner Landsleute auf Hasardeure und Abzocker. Entwicklungen, die er sehr genau beobachtet, aber zumindest zurzeit nicht kommentiert. Und in seinen Büchern (noch) nicht aufgreift.
Der bedächtige Autor will erst einmal die weiteren Entwicklungen abwarten. Stoff findet er genug in der rasanten Entwicklung Islands vor dem Wirtschaftscrash von einem Fischerei- und Farmland zu einem modernen Dienstleistungsstaat. Und in der menschlichen Psyche, die auf der Insel im Norden nicht grundsätzlich anders ist als anderswo. Nur ein bisschen: Hier gibt es noch ein paar richtig sture, eigenbrötlerische und wortkarge Exemplare der Spezies Mann, wie Arnaldurs Held Kommissar Erlendur.
In seinem neuen Fall „Kälteschlaf“ ermittelt er auf eigene Faust in einem als Selbstmord getarnten Mord, und ebenso allein sucht er nach zwei jungen Leuten, die schon vor 30 Jahren spurlos verschwunden sind. Dieses Mal wird er noch mehr als sonst von seinen eigenen Dämonen getrieben. Sein Vater verlor ihn und seinen jüngeren Bruder in einem Schneesturm, der zehnjährige Erlendur konnte gerettet werden, der jüngere Sohn aber wurde niemals gefunden, und Erlendur leidet an den Schuldgefühlen des Überlebenden. Den als Selbstmord getarnten Mord und die Schuldgefühle des Kommissars, die er in der Suche nach Vermissten zu kompensieren sucht, hat Arnaldur zu einer melancholischen, atmosphärischen Geschichte verdichtet.
Der 48-jährige Autor hat es nicht wie sein Held erlebt, dass ein Mensch, der ihm nahesteht, verschwunden ist. Warum ihn dieses Thema so beschäftigt, dass er immer wieder darüber schreibt, sagt er nicht. Nur so viel: „Es geschieht hier in Island häufig. Im vergangenen Herbst ist wieder jemand in einem Schneesturm verschwunden, seine Leiche wurde erst Monate später gefunden. Und wie Erlendur und viele Isländer auch lese ich Bücher über solche Geschichten, das sind meist Bestseller hier bei uns. Mich interessieren dabei allerdings nicht in erster Linie die Verschwundenen, sondern die Zurückgebliebenen, die mit ihrer Verzweiflung und Trauer fertig werden müssen.“
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Sabine Schmidt, 13.11.2009