Alter als Massaker
Philip Roth und das Alter. Er erzählt von einem Jedermann, dessen Ende so banal ist wie jedes Leben.
Die Geschichte von Jedermann setzt ein auf dem Friedhof und endet im Operationssaal. Ist das ein Leben? Ohne Zweifel. Die Sache ist ja die: Wir alle wünschen uns, sehr lange zu leben. Was Medizin und Forschung auch ermöglichen. Aber alt werden, das wollen wir nicht. Eben deshalb nicht, weil wir uns ja auch nicht alt fühlen.
Philip Roth ist ein Meister, wenn es darum geht, dieses Paradoxon der Moderne zu literarisieren. „Das Alter“, so heißt es in dem neuen Roman „Jedermann“, „ist ein Massaker.“ Geübte Roth-Leser wissen, wovon er spricht – dies ist sein 28. Roman, mit dem man es sich nicht zu leicht machen darf. Er ist unterhaltsam, keine Frage, er ist hochnotpeinlich in seiner Entblößungssucht, wie immer. Und er ist rührend. Verstörend, um das Wort ins Ernsthafte zu wenden.
Sein Held, im Grenzgebiet zum Anti-Helden wie stets, hat es im Grunde gar nicht schlecht getroffen: brachte es weit in der Kreativabteilung einer Werbeagentur, blieb im Großen und Ganzen bis ins Alter halbwegs gesund. Aber was hilft das, wenn die ehemaligen Kollegen um ihn herum zusehends im Dämmerzustand der Krankheit und Demenz versinken und der Scherbenhaufen eines vormals aufregenden Privatlebens immer größer wird? Die Bilanz: zwei Söhne aus erster Ehe, die mit ihm nichts mehr zu tun haben wollen, weil er die Mutter wegen einer anderen verlassen hat. Eine Tochter aus zweiter Ehe. Eine gescheiterte dritte Ehe. Verfall, wohin man schaut, Müdigkeit, Krankheit. Die Frauen haben es ihm zunächst immer leicht gemacht, auch das kann zur Bürde werden.
Philip Roth hat sich kurz gehalten – selten treffen wir auf so engem Raum eine so umfangreiche Ansammlung persönlicher Siege und Niederlagen, eine Berg-und-Tal-Fahrt-Biografie, die auf Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“-Stück aus dem Jahr 1911 anspielt. Larmoyant ist das nicht, dafür ist der Roman literarisch zu stark geformt. Roths Jedermann ist konsequenterweise namenlos, Symbolfigur und Einzelschicksal zugleich.
„Er sank hinunter, fühlte sich aber alles andere als besiegt, ganz und gar nicht dem Untergang geweiht, nur darauf aus, wieder Erfüllung zu erleben, und dennoch wachte er nicht mehr auf. Herzstillstand.“ Ein Ende, so einfach, wie er es befürchtet hatte. Letztendlich ist alles banal, selbst der Tod. Auch wenn Philip Roth nicht im Geringsten banal darüber schreibt.
Christoph Schröder, 09.01.2007