In der Warteschleife

Sie sind flexibel, willig, billig: Ohne Praktikanten geht vielerorts nichts, nur fest angestellt werden sie nicht.


Seit Linn ihren Abschluss in der Tasche hat, steckt sie all ihre Energie ins Bewerbungsgeschäft. Je nach Stellenausschreibung passt sie den Lebenslauf an, kürzt hier, stellt da heraus, dichtet dort dazu. Sie fügt sich perfekt in jedes Stellenprofil, ist so flexibel, mobil und formbar, wie es der Arbeitsmarkt erwartet. Nur einen festen Job, den hat sie noch nicht gefunden. Ihr Freund Viktor hat da mehr Glück gehabt: Nach einem Aushilfsjob wurde ihm eine Stelle als Assistent angeboten. Für die müsste er allerdings in ein anderes Land ziehen, weit weg von Linn und seinen Freunden. Eine Beziehung, wie Anika und Chris sie führen, kann Viktor sich nicht vorstellen. Denn die beiden sehen sich nur dreimal im Jahr und sind ansonsten auf E-Mail und Telefonkontakt angewiesen.

Die Freunde von Linn und Viktor, Anika und Chris stehen vor ähnlichen Problemen: Nils hält sich nach seinem Studium mit Hilfsjobs über Wasser, Giulia absolviert ihr x-tes Praktikum, und Jasmin übt sich im Sichten von Stellenangeboten. Über die Gefühlslage der sieben hat Nikola Richter ein Buch geschrieben – „Die Lebenspraktikanten“. Der Titel fasst programmatisch zusammen, was diese Menschen kennzeichnet: Sie sind jung, gut ausgebildet und auf der Suche nach einem Einstieg ins Berufsleben. Dabei hangeln sie sich von einem Praktikum zum nächsten, von einem Aushilfsjob zum anderen. Sie wechseln ihre Wohnorte, entfernen sich von ihren Freunden und erfinden sich jeden Tag neu. Sie sind Meister der Anpassung und führen ein Leben auf Probe.

Die Autorin, Jahrgang 1976, greift auf eigene Erfahrungen zurück. Nach ihrem Studium der Germanistik, Anglistik und Komparatistik absolvierte sie selbst unzählige Praktika, und ihren Freunden erging es ähnlich. Von einer „Generation Praktikum“ will Nikola Richter jedoch nicht sprechen. Vielmehr sieht die Autorin die Praktikanten als ein Segment auf dem zunehmend flexibler werdenden Arbeitsmarkt. „Sie sind sozusagen die Vorhut der Prekarisierung: befristete Arbeitsverhältnisse, geringfügige – im Fall des Praktikums sogar oft keine – Entlohnung, fehlende Sozialversicherung, kaum arbeitsrechtliche Schutzregelungen.“ Welche Konsequenzen sich daraus für das Leben, für Freundschaften, Beziehungen und Zukunftsplanung ergeben, zeigt die Autorin in ihrem Buch.

Locker, temporeich, aber mit einem ernsten Unterton, schreibt Richter über ein Leben, das von Unsicherheit und Planungslosigkeit geprägt ist. Was gestern noch als spießig galt, wird für die Lebenspraktikanten heute erstrebenswert: Linn träumt von einem Auto und einer Eigentumswohnung, kann sich aber auf weiteres nur Fahrrad und WG-Leben leisten. Die Eltern verstehen nicht, warum sich ihre Tochter so schwer tut mit dem Start ins Leben. Sie geben gut gemeinte Ratschläge, verkennen dabei aber, dass sich die Zeiten geändert haben. „Ihr konntet wenigstens sparen, ihr hattet ein Ziel und habt es erreicht!“, hält Linn ihren Eltern nicht ohne Neid entgegen. „Am Ende jedes Monats, am Ende jeder Woche bleibt uns leider nichts für Anschaffungen oder als Ruhekissen übrig.“ Auch Nikola Richter weiß keine endgültige Lösung für das Problem: „Die Situation ist eigentlich so komplex, dass man nichts raten kann. Natürlich kann man sich in Praktikumsratgebern über tollere Lebenslaufstrukturen und bessere Taktiken fürs Vorstellungsgespräch informieren, aber das löst das Problem eigentlich nicht. Grundsätzlich kann man vielleicht nur raten, sich über die Rechte, die schon da sind, zu informieren und diese auch einzufordern.“

Also heißt es, Eigeninitiative zu ergreifen. Und, wie Viktor, immer im Auge behalten, dass die Zukunft dem Nachwuchs gehört: „Jetzt sind wir alle noch kleine Fische, die durch die Maschen schlüpfen, aber wir sind der Nachwuchs. In zehn Jahren sind wir die Profis. Und dann ist unsere Zeit gekommen.“ Mit dieser positiven Sicht auf die Dinge hat zumindest ein Teil der Lebenspraktikanten Erfolg: Linn wärmt hoffnungsvoll alte Kontakte wieder auf, Giulia findet eine feste Anstellung, Anika hospitiert bei einem Radiosender, Jasmin startet eine Karriere in Polen, und Nils macht sich mit einem Stand auf dem Wochenmarkt selbstständig.

Hilfe für Praktikanten
Fair Company: Das Magazin „karriere“ zeichnet Unternehmen aus, die eine neue Arbeitsethik praktizieren und Hochschulabsolventen eine faire Chance geben.
www.karriere.de/faircompany

Fairwork: Interessenvertretung von Hochschulabsolventen für Hochschulabsolventen.
www.fairwork-verein.de

Prakti cum laude: Praktische Tipps rund ums Thema Praktikum.
www.generation-praktikum.de

Students at Work: Beratungsangebot des Deutschen Gewerkschaftsbunds für erwerbstätige Studierende und Praktikanten.
www.students-at-work.de


Kathrin Franz, 15.04.2006


Nikola Richter: Die Lebenspraktikanten
Fischer, 192 S.
8,00 € (D) / 8,30 € (A) / 14,80 sFr
ISBN: 3596169925
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Jürgen Hesse / Hans Christian Schrader: Die perfekte schriftliche Bewerbung
Eichborn , 144 S.
8,95 € (D) / 9,20 € (A) / 16,90 sFr
ISBN: 3821858885
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Christian Püttjer / Uwe Schnierda: Das große Bewerbungshandbuch
Campus, 542 S.
19,90 € (D) / 20,50 € (A) / 34,90 sFr
ISBN: 359337935X
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Ulrike Kraemer-Schwinn / Wolfgang Stader: Der GU Bewerbungs-Trainer
Gräfe u. Unzer, 128 S.
12,90 € (D) / 13,30 € (A) / 23,50 sFr
ISBN: 3833801492
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